In die entgegengesetzte Richtung, oder: Der Keller

 

Ich lese gerne Bernhard. Ich glaube, dass er und sein Schreiben polarisierend sind, aber ich genieße eine gute Bernhard-Tirade wirklich sehr. Bernhards Autobiographie umfasst fünf Teile, alle aber eher von überschaubarer Länge. Den letzten Teil (Ein Kind) - chronologisch aber der erste - habe ich für mein Studium gelesen und wirklich sehr genossen. Daraufhin habe ich mir aus der Bernhard-Gesamtausgabe den Teil der Autobiografie gegönnt, in Leinen gebunden. Ich möchte mich von dem Buch auch nicht trennen, obwohl ich Bernhard gerade in Audiobüchern sehr gerne hab. Vor ein paar Jahren habe ich einen anderen Teil gehört und beschlossen, dieses Jahr weiterzumachen.

Bernhard ist ein Meister der Wiederholung. Die Phrase "In die entgegengesetzte Richtung" kommt in dem kurzen Text mindestens 50, vielleicht sogar 100 Mal vor. Euer Alptraum? Kann ich verstehen. Aber durch dieses Kreisen um ein Thema, durch dieses Wiederholen, bekommen seine Texte einen Sog. In der Theorie sollte mir dieser Stil nicht gefallen, in der Praxis finde ich ihn super. Zwischendurch gibt es noch den einen oder anderen Rant und ich bin glücklich.

Ich fand auch das Setting sehr spannend, es ist zwei Jahe nach Kriegsende und der Gymnasiast Bernhard beschließt eines Tages, nicht in die Schule zu gehen sondern in die entgegengesetzte Richtung zum Arbeitsamt zu marschieren und eine Lehre in einem Lebensmittelgeschäft in der Scherzhauserfeldsiedlung (seiner Beschreibung nach das Ghetto von Salzburg) zu beginnen. Die Zeit und die Umstände werden in seinem Text sehr lebendig und ich mochte die Lesung von Peter Simonischek sehr. 

Wenn du noch nie etwas von Bernhard gelesen hast, würde ich vielleicht nicht hiermit beginnen, aber seine Autobiografie ist, glaube ich, kein schlechter Startpunkt. Erwartet euch halt keine fröhliche Stimmung. Bernhard ist der Innbegriff eines Grantlers. Aber manchmal macht eben genau das Spaß!

Alles Liebe und immer eine steife Brise, 

Sarah L.

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